Leitstern am geistigen Firmament 

Erinnerungen an Gerd-Klaus Kaltenbrunner.

Der Philosoph und Essayist (1939-2011) war eine vielseitige Natur, ein Zeitdiagnostiker, der sich die Reorganisation Europas auf christlich-  förderalistischer Grundlage ersehnte. Die  kulturhistorischen und dogmenüberschreitenden Schriften offenbaren geistige Unabhängigkeit,  Opposition aus tiefster Überzeugung, und Widerstand gegen eine seins-vergessene Welt. Der Publizist hatte sich das Staunen bewahrt und auch die Frage: „“Wer bist du selbst?“ Die Antwort lautete: „Nur  einen eigenen Kopf zu haben, genügt nicht. Wir bedürfen des hilfreichen Umgangs mit den Geistern der Vergangenheit, wir können nur um den Preis selbstverschuldeter Borniertheit auf das verzichten, was uns an Denkweisen, Einsichten und Geistesrichtungen überliefert ist.“

Kaltenbrunner sah sich oft in Doppelfunktionen als Konservativer und Revolutionär, als Aufklärer und Romantiker, Seher und Zweifler. Auch lehnte er Toleranz, die nur dem Zeitgeist dient, ab. Vor allem war er ein Wahrheitssucher, ein „Gottbegeisterter der Weisheit“ (Platon), der jedes oberflächige Scheinwissen verachtete. Seine religiös-mystische Verankerung in einem genuin katholischen Denken reichte zurück bis zu den Kirchenvätern. In seinem Denken und Fühlen wurde er nicht müde, die „frevlerisch verschütteten Ursprünge“ wieder ans Licht zu heben.

Gerd-Klaus Kaltenbrunner wandte sich gegen die larmoyante Klage über den Zusammenbruch des Abendlandes aufgrund des Hedonismus, er  setzte er seine europäische Vision dagegen: „Das Ende des Abendlandes bedeutet jedoch keineswegs, dass wir uns nur noch in Resignation üben müssen. … Wir kennen die neuen Ufer, auf die wir uns hinbewegen, nicht. Doch die Besinnung auf das Abendländische, wie es uns zum Beispiel in Sophokles und Vergil, in Augustinus und Meister Eckhart, in Antonello und Goethe exemplarisch erscheint, kann mehr als bloße Nostalgie oder historische Gelehrsamkeit sein. Das Abendland ist untergegangen, doch Europa kann nur dann Europa bleiben und werden, wenn es sich an der abendländischen Überlieferung orientiert.“ 

 

Ab 1980 wandte sich Kaltenbrunner in seinen Studien der europäischen Geistesgeschichte zu mit zwei monumentalen Werken: „Europa. Seine geistigen Quellen in Porträts aus zwei Jahrtausenden“ und „Vom Geist Europas. Mutterland  Abendland“. Beide Werke galten ihm als Bollwerk gegen die Geschichtsvergessenheit. In ihrer Biografie schildert die Schriftstellerin und Lyrikerin Magdalena Gmehling in acht  Kapiteln ihre  Erinnerungen und die Lebensarbeit des Denkers und Gelehrten: die persönlichen Begegnungen: den jahrelangen Briefwechsel, und fügt Zitate aus seinen Werken ein. Dabei ist ein Werk entstanden, das Kaltenbrunners Sprachklang auf beeindruckender Weise nahekommt.

  

Magdalena S. Gmehling  „Leitstern am geistigen Firmament“ Erinnerungen an Gerd-Klaus Kaltenbrunner. Christiana Verlag, 128 S.  ISBN 9783717112129

 

                                                                                                              Rezension  EMvB