Milan / Seite 4

Diese Ochsen“ sagt Jott, wie er zum Güstrower hin, der 45zig von OderOst rüberkam, und von der Farce bis Tragödie alles besehn hat vor Ort.

Güstrower: Stecken ihre Schnauzen in’n, meinen – wäre ein Krautgärtlein. Manchmal siehst du Köpfe schleichen – abwärts in Zivil nur durch Armbinden mit der Aufschrift „Freiwilliger Helfer der Grenztruppen“ markiert – aber die Knarre ist irgendwo dabei. Wegen dem DingsdaPlan mähen die, dann fliegt einem auch mal’n Wort um die Ohren, beinahe nachbarschaftlich. Als meine Tante, die hinterm See, du siehst doch den Dachgiebel? zu Besuch, und 80zig-km mußte, um meinen Ar… natura zu sehn, hat Einer sie erkannt, wie sie von hieraus ihrm Haus zuwinkte. Sehe noch die verdutzte Visage, Mönsch, das hat dem Linientreuen nicht, wie der das sei’m Genossen beim Abendessen wohl erzählt – der hat ja Order, die Tante wie Sauerstoff zu veratmen.

Jott: Tja, und was machen DIE mit den Fischen?

Güstrower: Wenn die Fischer sie nicht fischen, werden Fische zu Kannibalen. Von unsrer Seite darf keiner Einen. Alle paar Monate schwimmen Massen oben, die kaputt von so’ner Brühe aus’m Genossenschaft-Viehbetrieb. Trotz aller Proteste kippen sie die Chemiejauche den Seetieren in’n Rachen. Du sollst mal sehn, wie Unsre vom Rhein angereist und palavern, die Andern von der Spree her und palavern – wieder abreisen an Rhein und Spree. Jede Seite meint: die Natur wird schon wieder!

 

Jott tippt an die Mütze bei sich, läßt den Güstrower brabbeln, weil nun viele „Abenteurer“ am toten Schlagbaum und geht zum See, sieht langsam die Sonne absaufen, trifft einen Reiher,

der eben von drüben mit einem Fisch im Schnabel; der Milan hebt schweigend aus dem Schilf, fliegt mit dem letzten Sonnenfinger, still wölbt der Himmel – und ist nicht zu fassen…

Literatur-Ausschreibung: „Gewaltig, aber wie gewaltfrei“ 1. Preis „Würzburger Literaturpreis“ 1986 für „Wo der Milan fliegt“ Evelyne v. Bonin